Anke von Heyl: rheinwärts

Ansprache zur Ausstellungseröffnung der Ausstellung: rheinwärts mit Gemeinschaftsbilder von Pete Clarke, Liverpool und Georg Gartz, Köln
im Zündorfer Wehrturm am 4.5.2008

 

Standortbestimmung:

Im wehrhaften Turm zu Zündorf am Rhein kann man Stufe für Stufe höher steigen. Von den Anfängen der Zusammenarbeit von Pete Clarke und Georg Gartz bis in die Jetztzeit, bis dorthin, wo die aktuellen Arbeiten der Rheinlust hängen, der sich die beiden Künstler seit letztem Jahr hingegeben haben.

1998 hat das gemeinsame Arbeiten im Rahmen eines Austausches zwischen den Partnerstädten Liverpool und Köln unter dem Motto „Eight Days A Week“ begonnen. Und so feiert diese besondere Künstlerfreundschaft mittlerweile ihr zehnjähriges Bestehen. Die Schau rheinwärts gibt einen Überblick über ihr gemeinsames Schaffen und zeigt die Gemeinschaftsbilder aus zehn Jahren. Eine Jubiläumsausstellung also, die eine spannende Zeitreise sein kann, die man im Hinaufsteigen der Turmtreppe erleben wird. So ist die besondere Raumsituation hier im Zündorfer Wehrturm zu einem gangbaren Weg für die Präsentation der ganz besonderen künstlerischen Arbeit geworden. Rheinwärts bedeutet in diesem Falle auch soviel wie „vorwärts“, impliziert also eine Entwicklung, der es zu folgen gilt und die den Weg weist.

„Chatting with Colours“ haben Clarke und Gartz das Experiment der Gemeinschaftsbilder genannt. Sicher nicht von ungefähr geht es um Kommunikation, um den Dialog. Sprache steht im Titel des Projektes - Pete Clarke ist in früheren Arbeiten immer wieder auf das Wort, auf sprachliche Versatzstücke gekommen. Das fließt in die Gemeinschaftsarbeit ein und scheint hier zumindest in einem Gemälde noch einmal durch. Daneben wird die Farbe als Bezugspunkt in den Mittelpunkt gerückt. „Chatting with Colours“ ist ein ungewöhnliches Projekt, denn es findet äußerst selten statt, dass sich zwei Maler zusammentun um an gemeinsamen Bildern malen. Kunst als Teamwork scheint gerade in diesem Zusammenhang eine nicht ganz so einfache Sache. Denn hier gibt es nicht die praktische Aufgabenverteilung wie bei es bei Installationen schon fast üblich ist. Im Falle der Malerei muss man sich extrem auf den anderen einlassen und sich der bangen Frage stellen: wie verändert oder prägt die Wechselwirkung zwischen zwei Individuen das Werk. Bei Gemälden geht es noch immer um die drängende Frage der Autorenschaft, die Frage nach dem Original. Hier spielt der Topos des künstlerischen Genies immer noch die tragende Rolle. Und so scheint der ungewöhnliche Ansatz, den Pete Clarke und Georg Gartz verfolgen, eine Antwort auf Settings zu sein, in denen das Ende der Malerei angekündigt wurde und Philosophen wie Roland Barthes das tradierte Bild des Künstlers negieren. Bei der malerischen Gemeinschaftsarbeit wird ein neuer und frischer Ansatz für die Kunstproduktion vorgeschlagen. Clarke und Gartz machen sich Gedanken über eine neue Generation von Bildern und scheinen damit auch die eigene Arbeit zu hinterfragen.

 „Chatting with Colours“ begann mit Werken über die Heimatstädte der beiden Künstler. Liverpool und Köln sind als Partnerstädte eng verbunden. Im Spannungsfeld zwischen Kollaboration und Individualität entstanden hier die ersten Arbeiten als Teamwork. Das Vorgehen vergleichen Clarke und Gartz gerne mit einer gepflegten Jazzimprovisation, bei der aus dem Stegreif heraus einzelne Musiker miteinander spielen. Hinter der freien Entscheidung, wann man wie auf wen reagiert, steht aber im Jazz der Grundsatz bestimmter Harmonieregeln. Gilt dies auch für die Kunst? Clarke und Gartz gehen beide von der Beschäftigung mit den topographischen Vorgaben aus. Architektur, Landschaft und urbane Atmosphäre geben die Impulse. Aus einer Mischung von Abstraktionen erkannter Eigenheiten der Städte und deren Umsetzung in farbliche Klänge entstehen so Gemälde, die eine Erweiterung der Perspektive auf die jeweilige Stadt und ihre zentralen Gebäude darstellt. Häufig arbeiten die Künstler hier seriell und die Leinwände geraten zu einer rhythmischen Sequenz.

Brücken, die sowohl in Liverpool als auch in Köln das Stadtbild bestimmen, werden mehrfach interpretiert. Ihre Darstellung kann auch als versteckte Reminiszenz an die Expressionisten der ersten Stunde gelesen werden! Der emotional gelenkte Ausdruck mittels Farbe findet sich in den Werken beider Künstler - bei Georg Gartz stärker von der Materialästhetik und bei Pete Clarke mehr räumlich konkret bestimmt. In den Gemeinschaftsbildern fließt die Erfahrung jedes Künstlers in die Komposition und geht eine homogene Verbindung ein. Es ist im Endergebnis unerheblich, von wem welcher Pinselstrich stammt, wessen Hand die zeichnerischen Aspekte einbrachte. Sie haben sich gegenseitig befruchtet mit ihren Eigenheiten. Ein besonderes Gespür für den anderen ist hierfür notwendig, ein aktives Vorangehen oder auch ein bestimmtes Sich-Zurücknehmen ist zu erkennen, wobei es nicht der impulsive Zufall ist, der die Aktionen bestimmt. Beide Künstler arbeiten in der Vermittlung - Georg Gartz seit Jahren als Museumspädagoge und Pete Clarke als Dozent. Das ist in ihren Arbeiten spürbar und beeinflusst durch diese Tätigkeit entwickeln sie bewusst Aufgabenstellungen, denen sie sich systematisch widmen. Da wird das klassische Stillleben der Niederländer genauso befragt, wie die Entwicklung der Landschaftsmalerei, die einen ganz besonderen Stellenwert in ihrer Arbeit hat.

Rheinreise:

„Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und niemand kennt. Dennoch beschäftigen seine Ruinen die geisteigen Höhenflüge und diesen bewundernswerten Fluss lässt das Auge des Poeten wie das Auge des Publizisten unter der Durchsichtigkeit seiner Fluten Vergangenheit und Zukunft Europas ahnen.“ Das, was Victor Hugo im Jahre 1845 formulierte, macht deutlich, welchen Stellenwert der Rhein damals hatte. Es hatte sich im Laufe des frühen 19. Jahrhunderts ein Mythos „Rhein“ gebildet, auf dessen Spuren nicht nur Dichter und Denker, sondern auch viele Künstler wandelten. Personifiziert als „Vater Rhein“ wurde er nicht nur zum Politikum sondern vor allem die vielen Sagen und Legenden trugen zu einer besonderen Sicht auf diesen Strom bei, der Völker verband und noch heute verbindet.

The castled crag of Drachenfels
   Frowns o'er the wide and winding Rhine.
   Whose breast of waters broadly swells
   Between the banks which bear the vine,
   And hills all rich with blossomed trees,
   And fields which promise corn and wine,
   And scattered cities crowning these,
   Whose far white walls along them shine,
   Have strewed a scene, which I should see
   With double joy went THOU with me!

1818 wurde Lord Byrons Gedicht „Child Harold’s Pilgrimage” veröffentlicht, in welchem der romantische Dichter lange Passagen mit dem melancholischen Erleben der wunderschönen Rheinlandschaft füllte. Dies war der Auslöser für eine Flut von Rheinreisenden, die auf den Spuren dieser Dichtung wandelten. Einer von ihnen war William Turner, der später auch zahlreiche Illustrationen für Lord Byrons Poem geschaffen hat. 

In der Zeit zwischen 1817 und 1844 unternahm William Turner insgesamt sieben Deutschlandreisen, von denen ihn einige auch an den Rhein führten. Turner, der als Begründer einer neuen Bewertung der Landschaftsdarstellung gilt, hat Rheinbilder von einer beeindruckenden Intensität geschaffen. Mit einem Reiseführer hatte sich Turner akribisch auf seine Reisen vorbereitet und er trug insgesamt drei verschiedene Skizzenbücher mit sich, in denen er täglich seine Beobachtungen der Landschaft aufnotierte. Er sah die schöne Landschaft quasi zeichnend, oftmals machte er sogar seine Skizzen, wenn er in einer Kutsche durch die Landschaft fuhr. Später dienten ihm die Zeichnungen als Vorlagen für sensible Aquarelle, in denen er einmal mehr zeigte, dass er der Meister des Kolorits war. Die Sonderstellung, die William Turner in der Malerei des frühen 19. Jahrhunderts einnahm, machte sich vor allem an einem erstaunlich hohen Abstraktionsgrad seiner Bilder fest, die damals noch oft nicht verstanden wurden. Heute jedoch sind diese Bilder Ikonen einer Landschaftserfahrung voller idyllischer Motive und kontemplativer Kraft. Viele der Zeichnungen und Aquarelle Turners sind auch in die Reiseführer eingegangen, die in jenen Jahren in Massen produziert wurden. So prägte sich durch die künstlerische Perspektive William Turners das Bild des romantischen Rheins.

Der Tradition romantischer Spurenlese folgend, wandelten Georg Gartz und Pete Clarke im Frühsommer letzten Jahres auf den Spuren Turners. Rheinlust nannten sie ihre erste Ausstellung mit den Ergebnissen dieser „sentimental journey“.  Mit Skizzenbüchern und Stiften stiegen sie an die Stellen, die sie nachvollziehen konnten, als diejenigen, an denen auch Turner gesessen haben musste. Und wie er fertigten sie eine Fülle von Skizzen an. Jeder für sich, damit die unterschiedlichen Sichtweisen, die subjektiven Eindrücke bestimmter Motive nicht verloren gehen. Erst im Atelier entstanden daraus die Gemeinschaftsbilder, die multiperspektivische Landschaftsbilder und improvisierte Farbspiele zugleich sind.

Topographie:

Der ursprünglichen Wortbedeutung folgend, heißt dies: einen Ort zeichnen. Jedoch wird Topographie auch synonym zu Erdoberfläche verwendet. Die Perspektive, die Pete Clarke und Georg Gartz in ihren Gemeinschaftsbildern präsentieren, birgt eine spannende haptische Erfahrung der Oberfläche. Zaghafte Linien, kräftige Pinselspuren, kräftige Farben, zarte Tönungen - hinter dieser künstlerischen Landschaft auf der Leinwand stehen so viele Möglichkeiten. Diese gilt es zu entdecken. Im Wechsel zwischen Makro- und Mikrostruktur des Gemäldes wandert das Auge des Betrachters über die Bildoberfläche. Eine ganz spezielle Reise führt zum Kernpunkt der Improvisationen, zum eigentlichen Charakter der Landschaft. Das große Diptychon mit dem Titel rheinwärts ist der Höhepunkt dieser gemeinsamen Sichtweise auf die Natur und steht im Zentrum der Ausstellung. Es zeigt einen sehr subjektiven Ausschnitt künstlerischen Sehens, gesteigert durch die Perspektive zweier Individuen. Die Farbenlandschaft ist bereit für die Augenreise des Betrachters. Wandern Sie also rheinwärts!

 

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